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Wagnis an der Spree

In Berlin soll ein Modellquartier für 2000 Menschen entstehen. Ganz ungewöhnlich: Keiner ist dagegen. Doch das Baurecht steht im Weg.  

Wie wollen wir wohnen? Diese Frage stellt der Deutsche Werkbund seit über 100 Jahren und gibt seither immer neue, durchaus widersprüchliche Antworten. Die aktuellste kann jetzt in Berlin besichtigt werden: Die „Werkbundstadt Am Spreebord“ ist fertig – jedenfalls im Maßstab 1:200 als Modell aus Holz. Zu sehen ist ein Stück europäische Stadt für rund 2000 Menschen auf der Mierendorffinsel zwischen Spree und Westhafen, „stadträumlich und architektonisch dicht, funktional und sozial gemischt“, wie es Paul Kahlfeldt formuliert, der Vorsitzende des Deutschen Werkbundes. 33 Architekten haben das Quartier gemeinsam entworfen und entsprechend abwechslungsreich sehen die Einzelgebäude aus.

Und doch steht hier in Miniatur ein überraschend harmonisches Stadtviertel mit öffentlichen Plätzen und Straßen, auf denen Autos zwar fahren, aber nicht parken dürfen. Der Zugang zur Spree ist frei, in den Erdgeschossen sind Geschäfte und Gastronomie geplant und darüber oft sechs oder mehr Stockwerke mit Wohnraum und Büros. Bislang befindet sich auf dem Gelände ein Tanklager, angelegt im Kalten Krieg für Notzeiten. Nur am Eingang an der Quedlinburger Straße steht ein einzelnes Wohnhaus. Es stand jahrelang leer und wird nun als „Werkbundhaus“ für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt. „Hinter uns stehen die explosionsgefährdeten Öltanks eines Störfallbetriebs“, so Paul Kahlfeldt bei der Projektvorstellung Ende September. „Die Genehmigung, dass wir heute hier sein dürfen, hat der Bezirk Charlottenburg gestern erteilt.“ Dieses Wohlwollen des Bezirks könnte noch wichtig werden für das weitere Verfahren.

Kleine Fläche, hohe Dichte und große Einigkeit – symbolträchtiger hätte die Präsentation des ungewöhnlichen Vorhabens kaum inszeniert werden können. Genau wie draußen vor dem Werkbundhaus drängen sich auch auf dem engen Podium der Pressekonferenz die Akteure mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen: Architekten, Politiker, Eigentümer und Anlieger. Der Bezirk, der hier auf die Einhaltung von Baurecht achten muss, ist ebenso dabei wie das Energieunternehmen Vattenfall, das unmittelbar neben dem geplanten Quartier ein großes Kraftwerk betreibt, und dann sind da noch die Nachbarn von gegenüber. Hinzu kommt der Hamburger Projektentwickler Plus Bau, der als Grundstückseigentümer seine Fläche auch nicht kostenlos abgeben möchte, und dann noch 33 Architekten mit teilweise großem Renommee und Selbstbewusstsein. Allein die Leistung, diese Vielzahl an Akteuren unter einen Hut zu bringen, verdient Beachtung. Für Marc Schulte, Bezirksstadtbaurat von Charlottenburg-Wilmersdorf, ist schon bemerkenswert, dass heute in Berlin ein Vorhaben dieser Größenordnung überhaupt noch geplant werden kann, ohne dass sich Protest regt. Das dürfte daran liegen, dass niemand dem Tanklager nachtrauert, das bislang den Weg zur Spree versperrt.

Nach deutschem Recht ist die Werkbundstadt zu dicht bebaut
Vor eineinhalb Jahren hat der Berliner Ableger des Werkbundes bekannte und weniger bekannte Architekturbüros eingeladen, um gemeinsam die Frage nach der Zukunft des Wohnens zu beantworten. Das versucht der Werkbund schon seit seiner Gründung 1907. Seither sind viele „Werkbundsiedlungen“ gebaut und noch weit mehr geplant, aber niemals realisiert worden. Zu den berühmtesten zählen die Gartenstadt Hellerau in Dresden und die Siedlung Am Weißenhof in Stuttgart, die 1927 im Stil der Neuen Sachlichkeit unter Leitung von Ludwig Mies van der Rohe gebaut wurde. Es war die große Zeit des Deutschen Werkbundes, eines freiwilligen Zusammenschlusses von Architekten, Stadtplanern, Künstlern und auch Unternehmern. In Österreich, der Schweiz und der damaligen Tschechoslowakei gab es ebenfalls nationale Ableger des Werkbundes. Die meisten Siedlungen entstanden in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. In Deutschland wurde der Werkbund 1938 aufgelöst und hat sich nach dem Krieg föderal in Landesverbänden neu gegründet.

Bildnachweise:
- © Visualisierung Architekten / Artpress - Urban und klassizistisch: Der Entwurf von Schulz und Schulz aus Leipzig in Kooperation mit Bayer Uhrig aus Kaiserslautern.